Bergfest in der Regionalliga – das Damenrennen

von links – Jana, Annel, Nicola und Tina Foto: Dirk Petersmeier

Bergfest der Regionalliga in Itzehoe in Form eines Team-Sprint-Rennens. Puh, was haben unsere Köpfe bei der Planung geraucht. Wer mit wem und warum eigentlich? Wie mixt man die Talente des Damen-Teams so zusammen, dass die Zahnräder optimal ineinandergreifen? Sind wir auch wirklich in der Lage zusammenzuarbeiten? Na klar, willig sind wir und gespickt mit Ehrgeiz. Aber können wir das dann auch umsetzen? Es wurde gedreht und gewendet, die Captains haben einige Nächte damit verbracht die Personalkärtchen hin- und her zu tauschen. Und da wir ja alle Frauen sind darf natürlich auch niemand enttäuscht und/oder gekränkt werden. Am Ende fiel die Wahl auf die drei besten Schwimmerinnen und mich. Anne L. und ich sollten dann auf dem Rad für Feuer sorgen. Am Ende dieses Meisterstücks wollten wir dann die Asche von Anne L. in der Wechselzone zurücklassen und mit den geschonten Jana L. und Nicola den Sieg perfekt machen. Pushen sollte uns Co-Captain Nina R. am Streckenrand, die mit dem Rechenschieber darüber wachen sollte, dass wir nicht versehentlich am ersten Platz vorbeilaufen würden.  Die Details dieses Matchplans wurden selbstredend über Wochen weiter zu recht gefeilt, Kommandos besprochen und Rennsituationen antizipiert. Der Schlachtplan war unwiderstehlich, eigentlich irgendwie brillant.

Und dann? Dann kam alles ganz anders.

nun aber nichts wie raus aus dem Wasser! Foto: Dirk Petersmeier

Sekundenlanges Warten – gefühlt wie Stunden Foto: Dirk Petersmeier

Unter den präzisen Anweisungen von Nina R. machten wir uns startklar und stiegen in den Tunnel. Jegliche Beschäftigung mit dem parallel laufenden Ironman Frankfurt und unserer Teamkollegin Manu waren strikt untersagt. Blick geradeaus. Der Startschuss. Wie von der Tarantel gestochen peitschte Nicola durch ihr Element und ich biss mich entschlossen an ihren Füßen fest. Die ersten 300m waren ein echtes Fest bei gefühlten 30 km/h. Dann der fatale Kater- bei dem Fest hatten wir doch mal eben die anderen beiden abgehängt (oder hatten die nur einfach Zeit verloren, weil sie nach Haukes Uhr tauchten?? Mensch Mädels, falscher Teich!!!). Dieser Fehler ließ sich jedenfalls irgendwie über den Rest der Strecke nicht mehr richtig ausbügeln und etwas verwirrt trudelten wir (ohne Uhr) wieder an Land an. Zwei Chancen hatten wir allerdings noch. Diese wollten wir nutzen. Möglich war dies allerdings erst nachdem alle Damen ihre Radschuhe angezogen hatten, was ungefähr so lange dauerte, wie sich das ein klassischer Frauenfeind so vorstellt. Nicola, die als Elite-Kaderschülerin von Frederik Tychsen, die Schuhe natürlich bereits nach 0,5 Sekunden an den Füßen hatte, nutzte diesen Leerlauf, um sich zu doppelter Körpergröße aufzupumpen. Laut schnaubend drehte sie sich um. Los jetzt verdammt! Anne L. nahm Nicola beim Wort und trat in die Pedale, dass mir das Laktat (vielleicht sogar Blut??) ungebremst aus den Ohren spritzte. Um den Anschluss zu halten, riskierten wir anderen drei Leib und Leben. Was bitte war denn das? Stark abfallend dagegen die Kreiselperformance. Mehrfach stand ich kurz davor, durch semi-elegante Vorderrad-Schlenker das ganze Team in den Graben zu befördern. Ebenfalls suboptimal füllte ich meine mir zugewiesene Rolle als Teamleaderin aus, denn meine langatmigen Erläuterungen á la „Würde es dir was ausmachen wenn…., weil…..“  wurden größtenteils vom Fahrtwind verschluckt und waren ohnehin inhaltlich kaum verständlich.

Das konnte sich Nicola nicht länger ansehen. Scharf ertönten die Kommandos von hinten, Hepp! Hepp! Ihre Augen waren nur noch schmale wütende Schlitze. Glücklich mochten sich die schätzen, die in diesem Moment nicht ihre Feinde waren. Wobei ich mir nicht so ganz sicher war, ob ich in diesem Moment nicht doch ein wenig zu den Feinden gehörte…… Jedenfalls war die Befehlsgewalt von Nicola unwiderstehlich und so vermochte sie es, dem Hühnerhaufen einen gewissen Rhythmus einzupeitschen. Leider war dieses Vergnügen nur von kurzer Dauer, denn nach der ersten von drei Runden der nächste Schock:

Unsere Läuferin Jana L. musste abreißen lassen. Damit war klar, dass Anne L. laufen musste. Die Frau, die uns in den letzten Tagen bei allen sich bietenden Gelegenheiten in den düstersten Farben, ausführlich ihre schier unglaubliche Laufschwäche beschrieben hatte.  Nicolas Kommandos nahmen die doppelte Lautstärke an, ihre Augen waren jetzt komplett geschlossen. Ich bemühte mich verzweifelt den Kommandoton zu übernehmen, allerdings kann ich offensichtlich von Geburt an keine Sätze mit weniger als zehn Worten. Und in dieser Gemengelage rasten wir drei um das Leben unseres Teams. Hepp! Hepp!

jede Sekunde zählt Foto: Dirk Petersmeier

Ein Kilometer vor T2 wieder die etwas verrückte Schuhausziehaktion (Liebe Anne L, das hat leider Strafnachsitzen bei Nicola zur Folge!!). Aber auf der anderen Seite, wer kann es Anne L. verdenken, dass sich nun das Grausen in ihr breit machte und ihre Glieder lähmte. Denn sie wusste genau, dass was jetzt kommen würde, würde ihren Blick auf das Leben für immer verändern.

Laufschuhe an und wir drei rasten los. Anne L. gab wirklich alles und sah so aus, als würde sie das keine 10m durchhalten. Dabei waren fünf Kilometer zu laufen. Doch das was nun folgte, war Tri-Team-Chemie vom allerfeinsten. Wann immer Anne L. zusammenzubrechen drohte, brüllte Nicola sie so an, dass sie reflexartig (Fluchtreflex!!) weiterlief. Und ich vermittelte Anne L. derweil den motivationspsychologischen Hintergrund von Nicolas Kommandos (bzw. versuchte das). Anne L. lief das Rennen ihres Lebens. Es blieb ihr allerdings auch nichts anderes übrig. Wir schoben sie abwechselnd (also meistens Nicola, denn ich lief abwechselnd panisch plappernd und laut keuchend wie ein aufgescheuchtes Huhn um beide herum). Ab und an stieß Anne L. ausgesprochen merkwürdige, irgendwie fast lieblich klingende Seufzer aus. Es klang ein bisschen wie man sich den letzten Lebensseufzer eines tagelang Gefolterten vorstellt, der sich im Moment des Todes leicht lächelnd vom Leid der Erde trennt. Uns gefror das Blut in den Adern, aber Zweifel an unseren Taten waren an dieser Stelle nicht angezeigt. Die letzten Meter. Anne L. roch das Leben. Und sie sprintete. Sprintete wie sie noch nie gesprintet war- als erste von uns dreien ins Ziel! Wobei ich mich schon im Nachhinein frage, hat sie das vielleicht alles nur gespielt und sich innerlich totgelacht über den Zirkus den Nicola und ich da veranstaltet haben?? Und die Seufzer waren der unterdrückte Lachkrampf??? Ein kleiner Rest von Ungewissheit bleibt.

Kampfgeist Royale Foto: Dirk Petersmeier

Aber ganz egal wie. Es war geschafft. Es ist vollbracht. Platz 2 an diesem Tag.  Tabellenspitze gehalten.  Mädels, es war einfach so unglaublich gut! Danke! Und dazu wissen wir jetzt, wer unser Chef ist! Wunderbar!!

Dringend erwähnte werden sollten, bevor ich hier zum Ende meines Artikels gelange, auch die zwei Team-Kolleginnen im offenen Feld. Hier erstürmten nämlich Sina und Johanna mit ihren Einzelleistungen, ganz ohne Spirenzchen die Plätze eins und zwei. Jedenfalls sah es von außen so aus. Dieser Teamerfolg kann sich mehr als sehen lassen!!

Bettina Strehl

2018-07-11T20:55:08+00:00